Zielsetzung und Leitbild der Biozüchtung

Die Zielsetzungen der biologischen Pflanzenzüchtung sind sehr umfassend, denn es geht um die Aufgabe der Weiterentwicklung unserer gesamten Kulturpflanzenvielfalt und nicht nur um die Abgrenzung zur konventionellen Züchtung oder zu Gentechnik. Über das Ziel einer existenzsichernden Nahrungsmittelerzeugung hinaus sollen die gezüchteten Sorten und Pflanzen den körperlichen und ethischen Ansprüchen und Bedürfnissen von vielen Menschen langfristig dienlich sein. Aus unserer Sicht sind für die biologische Pflanzenzüchtung folgende Elemente ausschlaggebend:

Agronomische Zielsetzung: standortangepasste Sorten für eine nachhaltige Landwirtschaft

Besonders die ökologische und extensive Landwirtschaft ist an die standörtlichen und klimatischen Bedingungen gebunden. Über 80% der weltweiten Kulturflächen sind Extensivflächen und werden deshalb von der Agrarindustrie und der Forschung stark vernachlässigt. Um den Nahrungsmittelbedarf der Zukunft decken zu können, muss die Landwirtschaft auf diesen Flächen langfristig und sozialverträglich verbessert werden. Dazu braucht es die standortorientierte Züchtung, denn die Industrialisierung dieser Flächen ist weder ökologisch noch ökonomisch sinnvoll. Die biologische Züchtung findet deshalb auf jenen Standorten statt, wo die Pflanzen nachher auch wachsen sollen, das heisst: hauptsächlich im Freiland. Das Ertragspotential im Biolandbau weist erfahrungsgemäss eine viel grössere Bandbreite als im konventionellen Landbau auf. Von der Biosorte wird deshalb eine höhere Anpassungsfähigkeit und eine grössere Plastizität, verbunden mit einer konstant hohen Qualität erwartet.

Kulturpflanzenspezifische Zielsetzung: Weiterentwicklung unter Respektierung der spezifischen Charaktere

Die aktuell wirksamen Lebensbedingungen ihrer Umgebung „verinnerlicht" die Pflanze im Verlaufe ihres Wachstums. Diese Anpassungsleistung prägt die Enwicklungsphysiologie, was Auswirkungen auf Gestalt, Struktur, Ertragsleistung und Qualität hat. Es gehört zum Aufgabenbereich der Züchtung, mit diesen Anpassungsprozessen zu arbeiten, sie zu verbessern und den neuen Erfordernissen anzupassen. Eine allzu konservative Sicht auf die Arten und Sorten kann leicht zur Verhinderung von Zuchtfortschritt und zum Verlust von Biodiversität führen.

Sozial-wirtschaftliche Zielsetzung: Partizipation aller Partner der Wertschöpfungskette an der Züchtung

Die Pflanzenzüchtung hat sich in den letzten 200 Jahren als eigenständiges Gewerbe aus der traditionellen Landwirtschaft heraus spezialisiert. Im Zuge der Arbeitsteilung zwischen Landwirtschaft, Saatgutproduktion und Züchtung stellt sich Frage der Abgeltung und der Eigenwirtschaftlichkeit der einzelnen Bereiche. Der Nutzer der Züchtung ist jedoch längst nicht nur die Landwirtschaft, sondern ebensosehr die Verarbeiter: Für eine gesunde Entwicklung muss sich die ganze Wertschöpfungskette für die Züchtung interessieren. Je besser die Partizipationsaufgaben innerhalb der Wertschöpfungskette gelöst sind, umso erfolgreicher wird die Züchtung sein können und umso höher wird auch die Wertschätzung ihrer Gemeinnützigkeit sein.

Zielsetzung der KonsumentInnen: Züchtung für eine breite Palette von Bedürfnissen

Eine nachhaltige Züchtung muss eine möglichst breite und vielfältige Palette von menschlichen Bedürfnissen - körperliche, seelische, kulturelle, wirtschaftliche usw. - im Blickfeld haben. Sie muss vorausschauend zukünftige Bedürfnisse erkennen können und die Zielsetzung entsprechend anpassen. Das Gegenbild dazu bilden heute ein halbes Dutzend standardisierter Weltwirtschaftspflanzen, die von ebenso wenigen Firmen produziert, gehandelt, verarbeitet und den Konsumenten verkauft werden.

Züchtung als innovativer Prozess: Pflanzen werden von Menschen und nicht von Institutionen gezüchtet

Der geschulte Blick des Züchters erkennt die zukünftige Pflanze und realisiert auf diese Weise seine Zuchtziele. Der individuell-schöpferische Mensch bleibt dabei immer Quelle und Urheber der Innovation. Institutionen können die Züchtungsarbeit nicht initiieren sondern lediglich unterstützen. Die zum Schutz der züchterischen Innovation und im öffentlichen Interesse an der Sortenzüchtung entstandenen Sortenschutz-Regelwerke bilden eine bewährte und entwicklungsfähige Basis für die arbeitsteilige Zusammenarbeit zwischen den Züchtern und den Nutzern der Sorten.